Die Suche nach Frieden und Normalität in Uganda. Rückkehr in eine Sackgasse?

In Uganda, einem kleinen Land in Ostafrika, haben Militärgewalt und Bürgerkrieg in den vergangenen zwanzig Jahren das Leben der Bewohner maßgeblich geprägt. Kriegerische Auseinandersetzungen sind nach wie vor vielerorts an der Tagesordnung, und eine Ausgabe der Tageszeitung, in der nicht von Opfern einer Schießerei berichtet wird, ist selten.

Als 2006 in Juba (Südsudan) ein Friedensvertrag unterschrieben wurde und die letzten Widerstandskämpfer aufgaben oder in den Kongo flohen, endete nach zwei Jahrzehnten ein erbitterter Krieg. Ausgetragen worden war er zwischen der Widerstandsarmee, Lords Resistance Army (LRA), und der ugandischen Regierungsarmee in Nord Uganda. Das Ergebnis waren 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge1, tausende Tote und eine große Zahl ehemaliger Kindersoldaten, die die Versklavung und den Krieg traumatisiert überlebten.

Heute, drei Jahre später, leben immer noch ca. 400.000 Menschen in den ursprünglichen Flüchtlingslagern. Etwa 250.000 ehemalige Flüchtlinge haben sich in so genannten Transit sites niedergelassen2. Die ugandische Regierung forciert die ‚Rückkehr‘ der ehemaligen Flüchtlinge in ihre Ursprungsdörfer und auch die in der Region arbeitenden NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) haben mittlerweile ihre Unterstützung in den Flüchtlingslagern gestoppt, dies geschah nicht immer freiwillig.

‚Zurück zur Normalität‘ lautet die von der Regierung propagierte Devise. Doch was steckt dahinter? Gibt es unter diesen Umständen überhaupt so etwas wie Normalität?
Über 90 % der Population der von dem Krieg am massivsten betroffenen Gebiete, leben seit mindestens zehn Jahren (einige schon seit 20 Jahren) in Flüchtlingslagern. Dabei ist mehr als die Hälfte dieser Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Ein Großteil der Bewohner des Kriegsgebietes haben noch nie Frieden bewusst erfahren können und bis heute ihren Alltag nur mit dem bestritten, was ihnen das World Food Programme und andere Organisationen zur Verfügung stellten.
Wer nun nicht verhungern will muss dorthin zurückkehren, wo seine Vorfahren einmal Land besessen haben, um dort einen Garten zu bestellen. Doch diese Arbeit ist sehr hart und ineffektiv und vielerorts gibt es keine funktionierenden Brunnen mehr. Kranke müssen meist Tagesmärsche hinter sich bringen um zum nächsten Health Center zu gelangen.
Wer die körperlichen Kapazitäten für diese schwere Arbeit und die weiten Wege nicht aufbringen kann, lebt von den Abfällen und Almosen der anderen.
Die Menschen in den ehemaligen Flüchtlingslagern erzählen davon, dass täglich einzelne Personen oder ganze Familien zurückkehren, da sie in ihren Dörfern nicht überleben könnten.
Normalität bedeutet für viele Vertriebene unterdessen das Leben im Lager. Die hingegen von der Regierung diktierte Normalität hat das Leben, ‚Äöwie es früher einmal war‚Äô, zum Ideal. Dieses verklärte Paradigma ist jedoch unter den gegebenen Umständen nicht umsetzbar, ohne den sowieso schon geringen Lebensstandard der Menschen vollends aufs Spiel zu setzten. Mag es auch damals besser gewesen sein, die Erinnerungen der meisten Menschen reichen oft nicht mehr bis zu dieser Vorkriegszeit zurück. Somit wird ein Umdenken zwingend notwendig: die entwurzelte Bevölkerung braucht neue Konzepte, statt überholter humanitärer Strategien.
In der Realität ist man jedoch noch weit entfernt von einem Umdenken, NGOs mit Konzepten abseits der staatlichen Vorstellungen laufen oft sogar Gefahr, durch restriktive Arbeitsverbote eingeschränkt zu werden.
Für die Menschen in den Lagern gibt es noch keine Chance auf Frieden und Normalität, obwohl der Krieg nun offiziell seit drei Jahren als beendet gilt. Erst wenn auch von Seiten der Regierenden die Einsicht geteilt wird, dass es kein simples ‚Äözurück und weiter wie bisher‚Äô geben kann, werden die Menschen ihren Frieden finden können. Doch Normalität kann und wird es dann noch lange nicht geben. In einem traumatisierten Land, das hierfür zuerst einmal zu sich selbst finden muss liegt die Chance hierzu einzig in einer Rückkehr auf neuen Wegen.

  1. Quelle: http://www.internal-displacement.org/8025708F004CE90B/(httpCountries)/04678346A648C087802570A7004B9719?OpenDocument (Stand 27.08.09) [zurück]
  2. Quelle: http://www.internal-displacement.org/idmc/website/countries.nsf/(httpEnvelopes)/2439C2AC21E16365C125719C004177C7?OpenDocument (Stand 27.08.09) [zurück]

P.S.: Diesen Artikel habe ich für die Zeitschrift Der Igel geschrieben, wurde aber (aus schlampigkeit, wie mir versichert wurde) nicht abgedruckt…

Edit: Der Artikel erscheint jetzt in der nächsten Der Igel Ausgabe, Anfang 2010…